Meine Bi-Fahne ist mein Superwoman Cape! – CSD 2019

Die Pridewoche in Berlin ist vorbei, Zeit für einen Rückblick.
Die Woche begann mit Tegan and Sara auf voller Lautstärke, der neuen Adaption von Tales of a City und dem Band Faszinosum Sexualität von Martin Dannecker. Auf Arte lief eine Doku über 50 Jahre Stonewall. Die Vorfreude stieg. Gleichzeitig ist die Pridezeit für mich auch immer ein Moment des Innehaltens, der Reflexion und Konfrontation mit der internalisierten Homo- und Bifeindlichkeit. Es ist die alljährliche Bestandsaufnahme wie weit ich gekommen bin im Prozess den Selbsthass gegenüber mangelnder Eindeutigkeit abzulegen. Eine Eindeutigkeit die mir sowohl von der Mehrheitsgesellschaft als auch in lesbischen Kontexten abverlangt wird. Und etwas selbstkritischer geht es sicher auch um Anpassung (passing) und wie ich meine Bisexualität auslebe. Ein kurzes Statement von mir in der Berliner Zeitung kann diese Komplexität gar nicht erfassen und doch kommt es mir 2 Tage später so vor als hätte ich da nur eine Seite der Medaille abgebildet. Es ist für mich der Grund dieser Tage erneut in Selbsthass und Emanzipation von Patsy L’amour reinzuschauen. Ein konfrontatives ehrliches Buch das in einem rührt und wie Patsy selbst auch, mich angeregt hat kritische Sexualpolitik, den damit verbundenen Widersprüchen und internalisierter Bi- und Homofeindlichkeit sowie Misogynie auseinanderzusetzen. Das hier so offen zu teilen sehe ich durchaus als weiteren Schritt. Meine Bi-Fahne ist am Wochenende zu einem Superwoman Cape geworden- watch me!

Ich möchte an dieser Stelle noch erwähnen das ich ganz gerührt davon bin dieses Jahr so viele junge LGBTI Jugendliche beim CSD gesehen zu haben. Diese Sichtbarkeit ist ein Zeichen für das Erkämpfte, für eine wachsende Selbstverständlichkeit von Begehren abseits der heterosexuellen Norm.
Und das haben sie und auch meine Generation den älteren Generationen und ihren Kämpfen zu verdanken.
Gedenken wir auch Jenen, die diese Freiheiten nicht mehr erleben konnten und büßen wir ihre Radikalität nicht ein, weil es für Viele besser geworden ist. Denn es ist weder alles erreicht, noch ist das Erreichte selbstverständlich. Es gibt einen rechten Backlash. Homofeindliche Gewalt und Ablehnung, besonders gegenüber Migrant*innen, dem als feminin Assoziierten, dem nicht Eindeutigen oder dem Unangepassten, offenem Ausleben von Lust und Sexualität ist präsent. Verantwortung übernehmen heißt für mich Homo-/Bi- und Transfeindlichkeit nicht zu relativieren, sich Generationen- und Szeneübergreifend auszutauschen, zu feiern und statt neuer Schubladen zu schaffen, weitere Freiheiten zu erkämpfen. 

PS: Zum Antisemitismus beim Radical Queer March habe ich bereits auf FB . und Twitter mehrere Beiträge geschrieben.