Next Level: Petitionsausschuss

Geschafft! Die Debatte um die Senkung der Steuer für Hygieneartikel von 19% auf 7% wandert jetzt in den Petitionsausschuss. Das Argument: Es handelt sich dabei um eine fiskalische Diskriminierung. Einfach gesagt, man wird steuerlich aufgrund seiner Menstruation benachteiligt. Bis zu einer tatsächlichen Senkung muss noch einiges passieren. Schlußendlich liegt die Entscheidung im Finanzministerium. Hier trifft die Forderung noch nicht auf Begeisterung, man verweist darauf sich an europäische Vorgaben zu halten. Vielleicht ein Hinweis darauf, auch auf europäischer Ebene Druck zu machen? Die nächsten Monate müssen wir jedenfalls dran bleiben! Ein toller Grund um noch öfter über Menstruation im öffentlichen Raum zu sprechen und diese zu normalisieren.

Etwas schade ist es, das die Forderung nur im Petitionsausschuss landet, , weil Unternehmen eine fette Kampagne starteten, und damit für die Teilnahme an der Petition zu mobilisieren, aber in erster Linie vor allem ihre nicht gerade günstigen Produkte platzieren möchten. Dabei hat man sich nicht sonderlich viel Mühe gegeben zu schauen, wer auf diesem Feld bereits jahrelange Arbeit reingesteckt hat. Kritik wurde auf Twitter runter gespielt. Es ginge schließlich um die Sache. Das stimmt, lenkt aber schlussendlich von der Frage nach dem „wie“ ab. Aber ehrlich gesagt ist das auch keine Frage die sie beantworten können, sondern vielmehr von feministischen Aktivistinnen beantwortet werden muss. Ohne eine Kritik an den ökonomischen Verhältnissen, wird Feminismus zur Marketingstrategie. Umso wichtiger ist es Aufklärungsarbeit zu unterstützen und nicht verwertbare Kritik sichtbar zu machen, abseits von Start Up Kampagnen mit viel Bling und schlanker politischer Botschaft.

Deswegen scheint mir jetzt auch mal der Zeitpunkt auf die Arbeit von anderen Aktivistinnen zu verweisen denen ich bei meiner Arbeit begegnet bin.
Unbedingt anschauen solltet ihr euch die Arbeit von Marie Kochsiek/  Sie forscht zu Zyklustracking und entwickelt gerade eine Open Source Zyklustracking App namens Drip . Außerdem solltet ihr Nanna-Josephine Roloff/  kennen sie setzt sich für die Senkung der Hygiene-/Tamponsteuer ein. Danke für eure Arbeit!

PS: Happy Menstrual Hygiene Day!🍷

Menstruation – Es läuft wieder…

Endlich komme ich mal wieder dazu hier zu schreiben. Die letzten Monate waren so voll, das mein blutiges Engagement etwas kürzer kam, dafür sind jetzt wieder zwei Beiträge zum Thema Menstruation erschienen, in denen ich meine Einschätzungen zu Kosten der Menstruation, der Forderung die „Tamponsteuer“ zu senken und das „Red Tent Movement“ einordne.
Ich will diesen Schwung nutzen und noch einmal darauf verweisen, dass zu diesem Thema längst noch nicht alles gesagt ist und was die Perzeption der Menstruation angeht, längst noch nicht alles erreicht ist.
Es muss sich noch einiges tun, politisch wie gesellschaftlich, um endlich sagen zu können: Die Menstruation ist normal.

Was die Besteuerung angeht, so halte ich es für gut möglich, dass mit ein bisschen mehr Druck und Aufklärung in den nächsten Jahren die Senkung ein realistisches Ziel ist. Darüber hinaus sollten öffentliche Einrichtungen, Unternehmen usw. diese kostenlos zur Verfügung stellen.
– Let’s Make Some Noise!

Soviel zur Realpolitik. Jetzt zur Kritik. Was hat es mit dem „Red Tent (Temple) Movement“ auf sich? Das Zelt ist rot, es duftet nach Patchouli, es soll ein Raum sein für Frauen, ein Sitzkreis, Austausch, einmal im Monat zum gemeinsamen menstruieren. Mal abgesehen das ich mich frage, wie das funktionieren soll mit unregelmäßigen, nicht gleichzeitigen Zyklen, stellen sich zu diesem Happening noch ein paar andere Fragen. In England gibt es über 150 bei der Red Tent Direction angemeldete Zeltgruppen, in Deutschland sind es mittlerweile schon 8 registrierte Zelte.
Das rote Zelt wird auch als Mondhütte bezeichnet, was die Nähe an den Mythos die Periode sei abhängig vom Mondverlauf andeutet. Doch wo kommen diese Zelte, die gerade beispielsweise über deutsche Festivals tourten eigentlich her? In vielen Kulturen dienten die Zelte früher zum Rückzug, weil Menstruierende nicht am Leben der anderen teilhaben durften. Die Blutung wurde mit bösen Geistern, Unreinheit und Unglück assoziiert. Das Zelt nimmt hier die Rolle eines Verstecks bzw. einer Unsichtbarmachung durch räumliche Trennung und die Blickdichte ein. Ein Verbannungsort.
Ein patriarchales Instrument der Ausgrenzung und Demonstration der Befremdung gegenüber dem als weiblich assoziierten Bluten. Von diesem Zwangscharakter und den teils immer noch vorkommenden Zeltpraxis in Mali und Westafrika haben sich die Zelte, der sich als feministisch auftretenden Werbeagentur Goals Girls auf den Festivalwiesen Deutschlands entkoppelt. Sie kommen etwas peppiger daher, als die esoterisch angehauchte Version aus Englnd. Es  gibt rote Cocktails, Buttons, Aufkleber und es geht um die  Vermarktung unter dem Slogan Period Positivity ( lesenswerte Kritik in der Analyse & Kritik 641 von Bahar Sheikh). Aufgeklärt wird über die Forderung die Tamponsteuer zu senken, und werben für Rücksicht im Job. Dabei scheint man zu vergessen das ein Großteil jener, die man da adressieren müsste, nämlich Männer in Führungspositionen sind.  Diese werden sich in die Zelte wohl eher kaum verirren, auch wenn das Angebot sich den Bart in Solidarität rot zu färben sicher verlockend ist. Bei der FAZ gefragt, wo die Zeltidee herkommt, spricht Kaddie Rothe von ihr nicht näher bestimmten „Ureinwohnern“ bei denen man die Menstruation in Gemeinschaft erlebt habe und die Menarche gefeiert wurde, so genau nimmt man es also nicht mit den kulturellen Anleihen und den tatsächlichen Umständen. Hauptsache die Message ist positiv und die Produktpalette erweitert sich.

Klar ist das trotz dem Spiel mit der Regressivität, die Menstruation durch diese Zelte auf Festivals ironischerweise Sichtbarkeit erfährt.  Ob man jedoch mit ein paar roten Effekten und halbgaren Informationen die Aufklärung vorantreibt sei dahingestellt, genauso ob man sich ein gutes Körpergefühl kaufen kann. Das Zelt mag nicht mehr zur Tabuisierung beitragen, aber es verblendet die Sicht auf nichtkommerzialisierbare feministische Forderungen rund um den Körper, die Menstruation und Gesundheit. Es bleibt ein rotes Tuch.