1 Jahr #metoo

…und es geht weiter! Es hat sich durchaus einiges getan seit einem Jahr. Bewusstwerdung, Austausch und an manchen Stellen sogar kritische Aufarbeitung. Die Debatte muss weitergeführt werden, weil es jeden Tag Übergriffe und Gewalt gegen Frauen* gibt, weil ein Großteil der Kritik sich selbst als misogyn und reaktionär entlarvte. Aber sicher gab es auch berechtigte Zweifel und Kritik. (s. auch Artikel unten)
Auch ich hatte gemischte Gefühle, selbst als ich die Worte A. Milanos in meinem Feed teilte, hatte ich noch gewisse Vorbehalte. Ich sprach die Tage und Wochen viel mit Freund*innen und Bekannten und einerseits spürten wir eine Bestärkung, wir gaben uns Trost, eine sehr tiefe Form der Solidarität und gleichzeitig hatten wir Angst in einem gemeinsamen Opferkollektiv aufzugehen bzw. individuell in die Identitätsfalle zu tappen. Als ich gefragt wurde, ob ich bei der #metoo Demo sprechen würde, sagte ich sofort zu, nicht weil ich meine Geschichten loswerden wollte, sondern weil ich unseren Schmerz und unsere Wut gesellschaftlich einordnen wollte. Die Bestandsaufnahme von Federica Matteoni in der Jungle World bringt das letzt Jahr gekonnt und kritisch auf den Punkt.

Menstruation – Es läuft wieder…

Endlich komme ich mal wieder dazu hier zu schreiben. Die letzten Monate waren so voll, das mein blutiges Engagement etwas kürzer kam, dafür sind jetzt wieder zwei Beiträge zum Thema Menstruation erschienen, in denen ich meine Einschätzungen zu Kosten der Menstruation, der Forderung die „Tamponsteuer“ zu senken und das „Red Tent Movement“ einordne.
Ich will diesen Schwung nutzen und noch einmal darauf verweisen, dass zu diesem Thema längst noch nicht alles gesagt ist und was die Perzeption der Menstruation angeht, längst noch nicht alles erreicht ist.
Es muss sich noch einiges tun, politisch wie gesellschaftlich, um endlich sagen zu können: Die Menstruation ist normal.

Was die Besteuerung angeht, so halte ich es für gut möglich, dass mit ein bisschen mehr Druck und Aufklärung in den nächsten Jahren die Senkung ein realistisches Ziel ist. Darüber hinaus sollten öffentliche Einrichtungen, Unternehmen usw. diese kostenlos zur Verfügung stellen.
– Let’s Make Some Noise!

Soviel zur Realpolitik. Jetzt zur Kritik. Was hat es mit dem „Red Tent (Temple) Movement“ auf sich? Das Zelt ist rot, es duftet nach Patchouli, es soll ein Raum sein für Frauen, ein Sitzkreis, Austausch, einmal im Monat zum gemeinsamen menstruieren. Mal abgesehen das ich mich frage, wie das funktionieren soll mit unregelmäßigen, nicht gleichzeitigen Zyklen, stellen sich zu diesem Happening noch ein paar andere Fragen. In England gibt es über 150 bei der Red Tent Direction angemeldete Zeltgruppen, in Deutschland sind es mittlerweile schon 8 registrierte Zelte.
Das rote Zelt wird auch als Mondhütte bezeichnet, was die Nähe an den Mythos die Periode sei abhängig vom Mondverlauf andeutet. Doch wo kommen diese Zelte, die gerade beispielsweise über deutsche Festivals tourten eigentlich her? In vielen Kulturen dienten die Zelte früher zum Rückzug, weil Menstruierende nicht am Leben der anderen teilhaben durften. Die Blutung wurde mit bösen Geistern, Unreinheit und Unglück assoziiert. Das Zelt nimmt hier die Rolle eines Verstecks bzw. einer Unsichtbarmachung durch räumliche Trennung und die Blickdichte ein. Ein Verbannungsort.
Ein patriarchales Instrument der Ausgrenzung und Demonstration der Befremdung gegenüber dem als weiblich assoziierten Bluten. Von diesem Zwangscharakter und den teils immer noch vorkommenden Zeltpraxis in Mali und Westafrika haben sich die Zelte, der sich als feministisch auftretenden Werbeagentur Goals Girls auf den Festivalwiesen Deutschlands entkoppelt. Sie kommen etwas peppiger daher, als die esoterisch angehauchte Version aus Englnd. Es  gibt rote Cocktails, Buttons, Aufkleber und es geht um die  Vermarktung unter dem Slogan Period Positivity ( lesenswerte Kritik in der Analyse & Kritik 641 von Bahar Sheikh). Aufgeklärt wird über die Forderung die Tamponsteuer zu senken, und werben für Rücksicht im Job. Dabei scheint man zu vergessen das ein Großteil jener, die man da adressieren müsste, nämlich Männer in Führungspositionen sind.  Diese werden sich in die Zelte wohl eher kaum verirren, auch wenn das Angebot sich den Bart in Solidarität rot zu färben sicher verlockend ist. Bei der FAZ gefragt, wo die Zeltidee herkommt, spricht Kaddie Rothe von ihr nicht näher bestimmten „Ureinwohnern“ bei denen man die Menstruation in Gemeinschaft erlebt habe und die Menarche gefeiert wurde, so genau nimmt man es also nicht mit den kulturellen Anleihen und den tatsächlichen Umständen. Hauptsache die Message ist positiv und die Produktpalette erweitert sich.

Klar ist das trotz dem Spiel mit der Regressivität, die Menstruation durch diese Zelte auf Festivals ironischerweise Sichtbarkeit erfährt.  Ob man jedoch mit ein paar roten Effekten und halbgaren Informationen die Aufklärung vorantreibt sei dahingestellt, genauso ob man sich ein gutes Körpergefühl kaufen kann. Das Zelt mag nicht mehr zur Tabuisierung beitragen, aber es verblendet die Sicht auf nichtkommerzialisierbare feministische Forderungen rund um den Körper, die Menstruation und Gesundheit. Es bleibt ein rotes Tuch.

 

 

#metoo Demo – Mein Redebeitrag

Ich habe zuletzt auf der #metoo Demo in Berlin eine Rede gehalten, die ich an dieser Stelle noch einmal teilen möchte:

Liebe Mitstreiter_innen und Genoss_innen die sich heute hier eingefunden haben. Es ist kein freudiger Anlass. Es freut mich weder so viele hier zu sehen noch erfreut es mich das es diese unglaubliche Vielzahl an Anlässen dafür gibt, weswegen wir alle hier heute hergefunden haben. Vielleicht weil wir selbst sexualisierte Gewalt und Belästigung erfahren haben oder aber auch um Jenen die Solidarität auszusprechen. Selbst wenn es noch nicht passiert ist, so ist die Bedrohung omnipräsent und formt denken und handeln.

Das ist kein freudiges Grußwort und das heute kein unbeschwerter Gang. Und was sehnen sich viele von uns eben diesen unbeschwerten Gang alltäglich herbei. Stattdessen werden wir groß damit darüber nachzudenken wo man lang geht, ob das was man trägt oder wer man ist als Anlass genommen wird, oder wieviel man auf einer Party trinkt. Viele werden groß damit erst durch einen Übergriff zu lernen wo die eigenen Grenzen überhaupt sind. Schon ein Nein, ein abwehren, ein es sich nicht mehr gefallen lassen, müssen viele erst schmerzvoll lernen. Die Gesellschaft ist von patriarchalen Machstrukturen durchzogen: in der Politik, in der Wirtschaft, in Kunst und Kultur, in den Religionsgemeinschaften, im Freundeskreis und/oder in der Familie, kurzum im öffentlichen wie im privaten Raum, herrscht immer noch die Vorstellung über Frauen verfügen zu können, sie zu bestrafen wenn sie nicht spuren, sie klein zu halten wenn sie aufbegehren.

#metoo ist für mich eine Kampagne der Vergegenwärtigung wo wir stehen zwischen Wehrhaftigkeit und Rückzugsgefechten mit denen wir konfrontiert sind. Denn das muss man auch sagen die Emanzipation hat Boden gut gemacht und auch wenn sexuelle Gewalt und Belästigung nie ausgeblieben sind, so erleben wir gerade einen misogynen Rollback der sich aus der Angst speist die männliche Vormachtsstellung zu verlieren. Wir sind nämlich gar nicht so passiv und wehrlos, wie man uns auch im Jahre 2017 immer noch glauben machen möchte, wir geben unser feministisches Wissen und unsere Begriffe an die Jüngeren weiter, wie auch unser Selbstbewusstsein. Wir helfen einander, sind solidarisch. Wir lassen es nicht zu, dass was wir erlebt haben trivialisiert und bagatellisiert wird. Wir brechen das Schweigen und kritisieren diese Gesellschaft. Wir haben gelernt das Frauenhass zwar die Wurzel ist, dabei aber nicht nur Cisfrauen trifft.

#metoo ist nicht der Versuch etwas zu beweisen. Es ist für viele der erste Schritt nach vorne. Es sind viele kleine Kratzer am kollektiven Bewusstsein. Ein brechen mit der Internalisierung von Victim Blaming & Slut Shaming. Ein Kampf für die Anerkennung des erlebten welche eigentlich selbstverständlich sein sollte. Ein Kampf das so etwas zukünftig nicht mehr erlebt werden muss.Alltagssexismus, wird zu angeblich falsch verstandenen Komplimenten und sexualisierte Gewalt zu einem Sexskandal. Aber das sind sie nicht. Der eigentliche Skandal sind die schwerwiegenden Folgen.
Die Ohnmacht, Demütigung und körperlichen wie psychischen Schäden, die viele erfahren müssen und damit allein gelassen werden von Politik, Justiz, Gesundheitswesen und der Öffentlichkeit. „Nein heißt nein!“ steht jetzt zwar im Gesetz, aber auch dieses müssen wir weiter kritisieren, denn es ist nicht mehr als ein rechtliches Lippenbekenntnis. Denn dieser Beweis, ist erst einmal zu erbringen.
Gerade diese Umstände sind es die mitverantwortlich sind für ein Post traumatische Belastungsstörung. Etwas worauf ich auch in eigener Sache noch kurz eingehen möchte. Das Trauma ist und hier steckt der subversive Gehalt des Begriffs und seiner Anerkennung, eine normale Reaktion auf ein unnormales Erlebnis, sagt die kritische Psychologin Prof. Dr. Ariane Brenssell. Kehrseite ist, dass bei einer Diagnostizierung das Fremdverschulden im Falle von sexualisierter Gewalt als Störung Klassifiziert und mit bspw. Naturkatastrophen gleichgesetzt wird. Aber nichts an dieser strukturellen Gewalt die in diesen Fällen die Ursache sind ist naturhaft. Was eigentlich notwendig wäre, ist eine Anerkennung des unverschuldeten Leids.

Was Therapien anbelangt sieht es leider auch nicht sonderlich gut aus. Die Plätze sind knapp, Therapiearten für PTBS noch nicht gut genug entwickelt. Jene die es gibt, wie beispielsweise die momentan sehr en vogue narrative Expositionstherapie, setzen vorallem auf Gewöhnung an das Schreckliche um es aushaltbar zu machen und auf Stressreduktion. Also vorallem darauf, dass eine Person schnell wieder einsatzfähig ist und um das hier noch etwas anzuspitzen auf ein abstumpfen und gewöhnen also banalisieren im Dienste der neoliberalen Selbstoptimierung. Ich halte diese Entwicklung für fatal. Auch Organisationen wie etwa in Berlin Wildwasser e.V eine der wichtigsten Beratungsstellen in diesem Bereich haben finanziell zu kämpfen und sind ähnlich wie Frauenhäuser unterfinanziert, dies gilt es aufs schärfste zu kritisieren und zu bekämpfen. Auch diese Punkte dürfen in der Debatte nicht hinten herunterfallen.

Dieser Moment ist aber auch einer der Selbstermächtigung. Ich habe gewusst das er einmal kommen würde. Sprechen kann und will ich über das erlebte noch nicht. Ich bin noch nicht soweit. Ich stehe hier heute oben und spreche, aber nur auf einer Metaebene die gibt mir die nötige Distanz die ich für mich beanspruche und repräsentiere damit auch all Jene die ihr Schweigen noch nicht gebrochen haben. Jenen die den Schritt gegangen sind, spreche ich meinen Respekt und mein Mitgefühl aus. Ihr seid toll! Ihr seid stark! Lasst euch nicht kaputt machen! Es wäre an dieser Stelle leicht einen Märtyrerinnenmythos zu beschwören, das will ich aber gar nicht ich möchte an den Trotz und das Trotzdem appellieren! Das Aufmerksamkeitsfenster des Hashtags wird sich alsbald wieder schließen es ist wohl leider an uns darüber hinaus Veränderungen zu erwirken vor allem in Zeiten in denen der Antifeminismus, Misogynie, Homo und Transfeindlichkeit auf dem Vormarsch sind und bereits erkämpftes wieder zu Disposition stehen kann. Lassen wir das nicht zu! Danke.

 

 

#Menstruationstasse

Vor wenigen Tagen ging der Hashtag #Menstruationstasse viral. Anlass war ein Tweet eines Users, welcher Bilder von Menstruationstassen mit sogenannten ‚Dickpics‘ Verglich. Völlig zurecht erntete der Beitrag harsche Kritik, denn ein Bild zu teilen um die Enttabuisierung von Hygieneprodukten mit sexueller Belästigung gleichzusetzen, relativiert Letztere. Die Userin @sternenrot reagierte mit dem Hashtag #Menstruationstasse unter dem sich alsbald Kritik, Zuspruch und Bilder blutiger Menstruationstassen sammelten.

Wer will das sehen?
Der User konstatierte in seinem Tweet aber auch das absolut niemand das sehen wollen würde. Was für ‚Dickpics‘ die nicht konsensual verschickt werden, zutreffend ist, läuft bei der Menstruationstasse ins Leere. Denn was für eine Person der befreiende Moment sein mag Stigmas abzubauen, ist für eine andere der Anlass über Scham- und Ekelgefühle zu reflektieren. Denn nur weil Menstruation die letzten Jahre in der Öffentlichkeit eine neue Sichtbarkeit erfährt, heißt das noch lange nicht das dem nicht immer noch mit Ablehnung auf unterschiedlichster Art begegnet wird. Sei es als Menstruation das Problem der anderen, welche dieses gefällig mit sich im Privaten ausmachen sollen oder mit dem Eingeständnis das man es selber gerne nicht sehen und erleben würde. Der Ekel bleibt und mit ihm die Scham. Genau diesen Gefühlen gilt es sich zu stellen, auch nach dem Hype. Der nämlich kam nicht zufällig, sondern auch durch die Vermarktung der neuen Menstruationstasse und Zyklustracking Apps. Wichtig ist das wir weiter über den Umgang mit unserem Zyklus und der Menstruation sprechen, Wissen weiterzugeben und Bewusstsein dafür zu schaffen das weder einer Unterdrückung noch eine Überhöhung der Sache dienlich ist.

Körperflüssigkeiten – Zwischen Abscheu und Anbetung
Was in der Debatte um die Sichtbarkeit von Menstruationstassen wieder offensichtlich wurde, ist das der Umgang mit Körperflüssigkeiten auf wenig Rationalität stößt und das vor allem bei Jenen die selber gar keine Menstruation haben. Da kommt es dann auch zu wenig differenzierten Vergleichen mit Fäkalien. Aber auch der Verweis darauf, dass Menstruationsblut früher als heilsam galt, ist wenig sachdienlich für den heutigen Umgang, da eine Mystifizierung, wie bei Odin wieder auf Biologismen und Naturalisierung zurückfällt.
Zuletzt scheint es auch für Viele immer noch unklar, dass es sowohl Männer gibt die Bluten und Frauen die nicht bluten. So auch der Verfasser des Tweets der die Debatte ausgelöst hatte.

Es bleibt also noch einiges zutun. Umso mehr freute mich die letzte Anfrage der Glamour etwas zum Thema Sex während der Menstruation beizusteuern. Auch hier bestimmen Ekel und Scham die Wahrnehmung anstatt etwa die entkrampfende Wirkung von Orgasmen während der Menstruation in den Mittelpunkt zu stellen.

 

 

 

Danke an @MaditaPims für die Bereitstellung des Photos und @sternenrot für den Hashtag #Menstruationstasse.

Safe Abortion Day – 218§ abschaffen!

Heute ist der Safe Abortion Day. Vor zwei Wochen lief, mittlerweile zum 13. Mal, ein christlich fundamentalistischer Zusammenschluss schweigend durch Berliner Straßen gegen Abtreibung. Der Protest, meist mit weißen Kreuzen, um an bereits abgetriebene Zellklumpen zu gedenken, ist über die Jahre sehr kreativ geworden, die Beschneidung des Selbstbestimmungsrechts der Frau zu propagieren. Konservative Vorstöße wie in Spanien, erfolgreiche Durchsetzung des Verbots in Polen und das unbeeindruckte beharren auf dem Verbot in Irland, zeigen bei dem Recht auf Schwangerschaftsabbruch handelt es sich nicht um einen zu Ende gekämpften Kampf. Ganz im Gegenteil, der Rechtsruck und Trumps Vorgehen gegen Planned Parenthood hat den selbsternannten „Lebensschützern“ Mut gemacht. Mittlerweile richten sich ihre Bestrebungen mehr gegen Ärzt*innen als Patient*innen. Der Strategiewechsel bedarf neue Ansätze und endlich die Abschaffung des §218.

Sexuelle Bildung – Female/LGBT* Health

Als ich vor 2 Jahren anfing über das Thema Menstruation zu recherchieren und zu referieren, merkte ich alsbald, dass in der feministischen Praxis sexuelle Gesundheit im weitesten Sinne wenig thematisiert wird.

Netx Level: Female/LGBT* Health
Zusammen mit Nhi Le, einer Leipziger Bloggerin und Aktivistin kamen wir schnell zu dem Entschluss anliegende Themenspektren gemeinsam feministisch zu erschließen. Das Netz ist voller sexueller Anspielungen, aber geht es um sexuelle Bildung an sich, zeigt sich einmal mehr eine Doppelmoral, mit der Tabus einhergehen. Gemeinsam beleuchteten wir wie sexuelle Aufklärung im Netz bisher thematisiert wird Erstaufklärung genauso wie Erwachsenenweiterbildung. (s. Fachartikel im ProFamilia Magazin, Video Republica Session)

Der Rahmen hat sich also über die Monate erweitert, Ziel ist und bleibt es Scham abzubauen und mithilfe des Internets zu schauen inwiefern Wissen diskriminierungs-, und barrierefreier vermittelt werden kann. Ich bzw. wir bleiben also dran.