#metoo Demo – Mein Redebeitrag

Ich habe zuletzt auf der #metoo Demo in Berlin eine Rede gehalten, die ich an dieser Stelle noch einmal teilen möchte:

Liebe Mitstreiter_innen und Genoss_innen die sich heute hier eingefunden haben. Es ist kein freudiger Anlass. Es freut mich weder so viele hier zu sehen noch erfreut es mich das es diese unglaubliche Vielzahl an Anlässen dafür gibt, weswegen wir alle hier heute hergefunden haben. Vielleicht weil wir selbst sexualisierte Gewalt und Belästigung erfahren haben oder aber auch um Jenen die Solidarität auszusprechen. Selbst wenn es noch nicht passiert ist, so ist die Bedrohung omnipräsent und formt denken und handeln.

Das ist kein freudiges Grußwort und das heute kein unbeschwerter Gang. Und was sehnen sich viele von uns eben diesen unbeschwerten Gang alltäglich herbei. Stattdessen werden wir groß damit darüber nachzudenken wo man lang geht, ob das was man trägt oder wer man ist als Anlass genommen wird, oder wieviel man auf einer Party trinkt. Viele werden groß damit erst durch einen Übergriff zu lernen wo die eigenen Grenzen überhaupt sind. Schon ein Nein, ein abwehren, ein es sich nicht mehr gefallen lassen, müssen viele erst schmerzvoll lernen. Die Gesellschaft ist von patriarchalen Machstrukturen durchzogen: in der Politik, in der Wirtschaft, in Kunst und Kultur, in den Religionsgemeinschaften, im Freundeskreis und/oder in der Familie, kurzum im öffentlichen wie im privaten Raum, herrscht immer noch die Vorstellung über Frauen verfügen zu können, sie zu bestrafen wenn sie nicht spuren, sie klein zu halten wenn sie aufbegehren.

#metoo ist für mich eine Kampagne der Vergegenwärtigung wo wir stehen zwischen Wehrhaftigkeit und Rückzugsgefechten mit denen wir konfrontiert sind. Denn das muss man auch sagen die Emanzipation hat Boden gut gemacht und auch wenn sexuelle Gewalt und Belästigung nie ausgeblieben sind, so erleben wir gerade einen misogynen Rollback der sich aus der Angst speist die männliche Vormachtsstellung zu verlieren. Wir sind nämlich gar nicht so passiv und wehrlos, wie man uns auch im Jahre 2017 immer noch glauben machen möchte, wir geben unser feministisches Wissen und unsere Begriffe an die Jüngeren weiter, wie auch unser Selbstbewusstsein. Wir helfen einander, sind solidarisch. Wir lassen es nicht zu, dass was wir erlebt haben trivialisiert und bagatellisiert wird. Wir brechen das Schweigen und kritisieren diese Gesellschaft. Wir haben gelernt das Frauenhass zwar die Wurzel ist, dabei aber nicht nur Cisfrauen trifft.

#metoo ist nicht der Versuch etwas zu beweisen. Es ist für viele der erste Schritt nach vorne. Es sind viele kleine Kratzer am kollektiven Bewusstsein. Ein brechen mit der Internalisierung von Victim Blaming & Slut Shaming. Ein Kampf für die Anerkennung des erlebten welche eigentlich selbstverständlich sein sollte. Ein Kampf das so etwas zukünftig nicht mehr erlebt werden muss.Alltagssexismus, wird zu angeblich falsch verstandenen Komplimenten und sexualisierte Gewalt zu einem Sexskandal. Aber das sind sie nicht. Der eigentliche Skandal sind die schwerwiegenden Folgen.
Die Ohnmacht, Demütigung und körperlichen wie psychischen Schäden, die viele erfahren müssen und damit allein gelassen werden von Politik, Justiz, Gesundheitswesen und der Öffentlichkeit. „Nein heißt nein!“ steht jetzt zwar im Gesetz, aber auch dieses müssen wir weiter kritisieren, denn es ist nicht mehr als ein rechtliches Lippenbekenntnis. Denn dieser Beweis, ist erst einmal zu erbringen.
Gerade diese Umstände sind es die mitverantwortlich sind für ein Post traumatische Belastungsstörung. Etwas worauf ich auch in eigener Sache noch kurz eingehen möchte. Das Trauma ist und hier steckt der subversive Gehalt des Begriffs und seiner Anerkennung, eine normale Reaktion auf ein unnormales Erlebnis, sagt die kritische Psychologin Prof. Dr. Ariane Brenssell. Kehrseite ist, dass bei einer Diagnostizierung das Fremdverschulden im Falle von sexualisierter Gewalt als Störung Klassifiziert und mit bspw. Naturkatastrophen gleichgesetzt wird. Aber nichts an dieser strukturellen Gewalt die in diesen Fällen die Ursache sind ist naturhaft. Was eigentlich notwendig wäre, ist eine Anerkennung des unverschuldeten Leids.

Was Therapien anbelangt sieht es leider auch nicht sonderlich gut aus. Die Plätze sind knapp, Therapiearten für PTBS noch nicht gut genug entwickelt. Jene die es gibt, wie beispielsweise die momentan sehr en vogue narrative Expositionstherapie, setzen vorallem auf Gewöhnung an das Schreckliche um es aushaltbar zu machen und auf Stressreduktion. Also vorallem darauf, dass eine Person schnell wieder einsatzfähig ist und um das hier noch etwas anzuspitzen auf ein abstumpfen und gewöhnen also banalisieren im Dienste der neoliberalen Selbstoptimierung. Ich halte diese Entwicklung für fatal. Auch Organisationen wie etwa in Berlin Wildwasser e.V eine der wichtigsten Beratungsstellen in diesem Bereich haben finanziell zu kämpfen und sind ähnlich wie Frauenhäuser unterfinanziert, dies gilt es aufs schärfste zu kritisieren und zu bekämpfen. Auch diese Punkte dürfen in der Debatte nicht hinten herunterfallen.

Dieser Moment ist aber auch einer der Selbstermächtigung. Ich habe gewusst das er einmal kommen würde. Sprechen kann und will ich über das erlebte noch nicht. Ich bin noch nicht soweit. Ich stehe hier heute oben und spreche, aber nur auf einer Metaebene die gibt mir die nötige Distanz die ich für mich beanspruche und repräsentiere damit auch all Jene die ihr Schweigen noch nicht gebrochen haben. Jenen die den Schritt gegangen sind, spreche ich meinen Respekt und mein Mitgefühl aus. Ihr seid toll! Ihr seid stark! Lasst euch nicht kaputt machen! Es wäre an dieser Stelle leicht einen Märtyrerinnenmythos zu beschwören, das will ich aber gar nicht ich möchte an den Trotz und das Trotzdem appellieren! Das Aufmerksamkeitsfenster des Hashtags wird sich alsbald wieder schließen es ist wohl leider an uns darüber hinaus Veränderungen zu erwirken vor allem in Zeiten in denen der Antifeminismus, Misogynie, Homo und Transfeindlichkeit auf dem Vormarsch sind und bereits erkämpftes wieder zu Disposition stehen kann. Lassen wir das nicht zu! Danke.

 

 

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